Herr Wolfgang Gärthe ist am 20. April nach kurzer schwerer Krankheit im Kreise seiner Familie verstorben.
Von 1982 bis 1984 und von 1991 bis 2013, somit fast ein Vierteljahrhundert und ein Drittel seines Lebens, war Herr Wolfgang Gärthe Geschäftsführer der ESO Education Group. Unser Credo: „Persönlichkeit durch Bildung“ verdanken wir ihm. Es ist noch heute wesentlicher Bestandteil unseres Leitbildes.
Herr Wolfgang Gärthe war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die über viele Jahrzehnte das Leben vieler berührt hat. Nicht nur durch Fachwissen, Fertigkeiten und Fleiß überzeugte er, sondern auch hinsichtlich Herzenswärme, Nächstenliebe, Wertschätzung und Respekt war er ein Vorbild. Als Geschäftsführer bei ESO verlangte er nicht mehr von den Kolleginnen und Kollegen als er selbst bereit war zu geben – und das war sehr viel!
Dabei ging er auch unkonventionelle Wege, die manchmal überraschten. So hatte er einmal als bekennender Christ die Idee, dass jede Schulleiterin und jeder Schulleiter zur Weihnachtsfeier eine Migrantin/einen Migranten nach Hause einladen sollte. Er selbst hat das auch gemacht, das war bewundernswert.
Immer lebte Herr Gärthe die Tugenden des ehrbaren Kaufmanns: Redlichkeit, Sparsamkeit, Weitblick, Entschlossenheit, Genügsamkeit, Gerechtigkeit und auch Demut bestimmten sein Handeln. Auf ihn war Verlass.
Für seine mitreißende Begeisterungsfähigkeit, seinen ungebrochenen Idealismus, seine schier grenzenlose Leidenschaft und persönliche Hingabe, mit der er selbstlos und unermüdlich seine Ideen tatkräftig umsetzte, war er zu bewundern.
ESO wird dieses Jahr 60 Jahre ESO feiern! Daran hat auch Herr Gärthe einen maßgeblichen Anteil. Gerne hätten wir ihn bei unserer Feier zum 60-jährigen Jubiläum im Oktober in Fulda begrüßt. Wir werden auf jeden Fall dann seiner gedenken und auf ihn anstoßen.
„Er war ein Bildungsidealist, wie ich keinen anderen kenne“, sagte die geschäftsführende Gesellschafterin der ESO Education anlässlich der Gedenkfeier am 16. Mai 2026 in der Christuskirche in Aschaffenburg.
Als Frau Semidei ihn zum letzten Mal am 17. April – vier Tage vor seinem Tod – im Krankenhaus besuchte, übergab er ihr die Euro-News und das Konzept: „Maßnahmen zur Berufsvorbereitung und sozialen Eingliederung junger Ausländer“. Dieses Konzept hat er in den 80er Jahren für ESO entwickelt und sehr erfolgreich bundesweit vertrieben.
Damals - wie heute - ging es um die berufliche und soziale Eingliederung von Jugendlichen, insbesondere Migranten. Ziel war es, Sprachkompetenz zu vermitteln, ein Ausbildungsverhältnis zu organisieren, gesellschaftliche Handlungsfähigkeit zu verbessern, um den jungen Menschen ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben in Deutschland zu ermöglichen. Das Programm beinhaltet auch Freizeit-, Sport- und kulturelle Veranstaltungen, um die Integration in die Gesellschaft erfolgreich zu gestalten.
Ein Mantra von Herrn Gärthe war immer „Jeder Absolvent mit Abschluss und Anschluss!“
In den 80er Jahren zählten 25 Standorte zur ESO, und beim damaligen Ausscheiden von Herrn Gärthe 2013 und auch noch heute sind es mehr als 100 Standorte, an denen ESO Bildungsdienstleistungen in Kitas, Fachschulen, Fachakademien, Weiterbildungseinrichtungen und Hochschulen anbietet.
Die enorme qualitative, quantitative und fachliche Entwicklung der Gruppe ist auch ein Verdienst von Herrn Gärthe. Sein Wirken trug maßgeblich dazu bei, dass ESO heute große Anerkennung in der Bildungslandschaft findet.
Nach dem Mauerfall wirkte er beim Aufbau von 23 Euro-Schulen in den neuen Bundesländern maßgeblich und rund um die Uhr mit pragmatischen Lösungen mit. Auf seine wohlwollende Menschlichkeit und seine fördernde und fordernde Führungsqualität konnte man sich in Zeiten großer Herausforderungen des Neuanfangs ein- und verlassen. Die sehr respektvolle, von Empathie und Wertschätzung geprägte Zusammenarbeit mit den neuen Kolleginnen und Kollegen waren für Herrn Gärthe - ebenso wie für das gesamte Führungsteam der ESO - immer selbstverständlich.
Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass diese Schulen in den letzten Jahren ihr dreißigjähriges Jubiläum feiern konnten und einige sogar ihr fünfunddreißigjähriges Jubiläum dieses Jahr feiern werden.
Auch in der Mongolei, Slowakei und in Tschechien baute Herr Gärthe das ESO-Netzwerk vor 30 Jahren aus und gründete weitere Euro-Schulen. Die Schulen in Tschechien sind noch heute Mitglied der ESO.
Was die ESO Education Group zu leisten im Stande war bzw. ist, hat Herr Gärthe in dem Magazin „EURO NEWS – Das Magazin für Bildung und Beruf“ regelmäßig über viele Jahre veröffentlicht und die Relevanz von Bildung auch mit namhaften Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur diskutiert. So wurden z. B. in der Ausgabe vom August 2003 mit Pater Anselm Grün Gedanken zur Schule ausgetauscht, mit Herrn Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit a. D. (heute Bundesagentur für Arbeit), die Frage „Wohlfahrtsstaat ade?“ erörtert und mit Herrn Dr. Arend Oetker darüber reflektiert, dass Bildung in Deutschland ein Gütesiegel werden muss. Es ist schnell erkennbar, dass diese Themen an Aktualität nichts verloren haben und uns nach wie vor stark beschäftigten.
Einige von diesen Persönlichkeiten konnte Herr Gärthe auch für das ESO-Kuratorium gewinnen. Mit deren Erfahrungsschatz entwickelten wir gemeinsam unsere Bildungskonzepte weiter. Damit leisten wir noch heute einen wesentlichen Beitrag zur Aus- und Weiterbildung in Deutschland und zur Idee eines Europas der freien und gebildeten Bürger.
Seit 1990 setzten sich Herr und auch Frau Gärthe mit ihrer gemeinnützigen Gesellschaft „Jugend mit Zukunft“ für Chancengerechtigkeit und Bildung in vielfältiger Weise unermüdlich ein. Die Liste der Projekte des Vereins ist sehr lang. Nähere Informationen sind unter http://jugendmitzukunft.de zu finden.
Sokrates hat einmal gesagt: „Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft.“
Heimweh – das ist die Sehnsucht nach etwas Vergangenem, Gutem und nach Geborgenheit. Heimweh kann sich aber auch nach vorne richten und ist das Gefühl, dass noch etwas fehlt, für das es sich lohnt, einzutreten. Es ist die Sehnsucht nach all den Möglichkeiten und Chancen, die das Leben bereithält. Es kann auch die Sehnsucht danach sein, das eigene Potenzial zu erkennen, zur Entfaltung zu bringen und ein glückliches, erfülltes Leben zu führen.
Vielleicht liegt genau darin eine tiefe Wahrheit über das Leben – und vielleicht war genau dieses Heimweh die treibende Kraft von Herrn Gärthe. Diese Sehnsucht nach einer besseren Zukunft für die Jugend hat sein Leben geprägt und ihm einen tieferen Sinn gegeben.
Herr Gärthe war ein gradliniger Mann, der nicht im Hier und Jetzt verharrte und lamentierte, sondern immer seinen optimistischen Blick nach vorne richtete und hartnäckig für seine Überzeugungen eintrat. Mit Neugier, hoher Fachkompetenz, Ehrlichkeit, Zuversicht und immer mit der unerschütterlichen Gewissheit: „Es geht besser!“ engagierte er sich vorbildlich insbesondere für die Jugend, denn er wusste, dass man die Jugend ernst nehmen muss, wenn man die Zukunft gestalten will.
Er nahm die Jugend ernst. Sein Herz schlug für sie. Für jene, die noch am Anfang stehen. Für jene, die Orientierung suchen, Mut brauchen, Chancen verdienen. Er hat sie gesehen, wo andere wegschauten. Er hat ihnen zugehört, wo andere sie überhört haben. Und er hat für sie und mit ihnen gehandelt, wo andere gezögert haben.
Nachteilsausgleich, Talentförderung sowie Kita- und Schulentwicklung waren für ihn Herzensangelegenheiten, für die er sich bundesweit mit frühkindlichen Förderaktionen, wie »KidsKaufladen« und »Kids-Marktstand«, tatkräftig einsetzte. Dabei gab er zum Beispiel auch Kindern ohne verbale Kommunikationsmöglichkeiten eine Stimme, denn Inklusionsarbeit war ihm ebenfalls ein großes Anliegen.
Mit dem Projekt „Schule mit Zukunft Leipzig Ost“, das er mit dem Lehrstuhl für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Leipzig umsetzte, oder dem Projekt „StartTraining“ am Zentrum für Lehrer*innenbildung und Schulforschung der Universität Leipzig lieferte er wichtige Impulse und machte die Euro Akademie Leipzig der ESO zu einem Praxispartner in diesem erfolgreichen Forschungsprojekt.
Wer Herrn Gärthe kannte, dem war klar, dass er sich auch nach seinem Renteneintritt weiterhin für seine Bildungsideale unermüdlich einsetzen und ESO verbunden bleiben würde. Von Ruhestand konnte keine Rede sein, vielmehr widmete er sich weiter als rastloser guter Geist seiner humanistisch geprägten Lebensaufgabe.
Das machte er nicht nur sehr ambitioniert, sondern auch sehr mutig. So scheute er sich auch nicht, auf namhafte Persönlichkeiten zuzugehen. Mit seiner Leidenschaft hat er sie in seinem Bann gezogen und für seine wertvollen Ideen und Projekte begeistert. Sie wurden gerne sowohl finanzielle als auch ideelle Förderer seiner Projekte und unterstützten diese persönlich auch mit zeitlichem Engagement, und das war Herrn Gärthe besonders wichtig.
Mutig war auch die Etablierung des „Mutig-Preises“, dessen Initiator Herr Gärthe ist. Auch hierbei scheute er keine Mühen. Seit 2004 wird diese Auszeichnung alle zwei Jahre von einer Jury an Menschen verliehen, die in besonderem Maße Zivilcourage bewiesen haben. Wichtig war ihm, dass die Preisträger nicht nur den Preis in Empfang nehmen, sondern auch in Aschaffenburg mit jungen Menschen in verschiedenen Schulen in den Dialog treten. Sie sollten ihre wertvolle Lebenserfahrung teilen und den Schülerinnen und Schülern Mut machen, für Menschlichkeit auch in einem schwierigen Umfeld einzutreten.
Für sein Engagement wurde Herr Gärthe mehrfach ausgezeichnet. So erhielt er 2012 das Bundesverdienstkreuz oder 2019 die Goldene Ehrennadel der Stadt Leipzig für ehrenamtliches Engagement. 2024 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Christine mit der Alois-Glück-Medaille geehrt. Speziell diese gemeinsame Auszeichnung würdigt auch das immerwährende Wirken und hochgeschätzte Engagement von Frau Gärthe. Beide waren ein unschlagbares Team!
Jeder, der sie beide kennt, der weiß, dass die beiden diese Auszeichnungen mehr als verdient haben. Mehr als die Auszeichnungen bedeutete ihnen die Wirksamkeit der Projekte. Die Evaluationen zeigen deren signifikanten Erfolg. Mit persönlicher Hingabe erzielen die Projekte eine enorme Wirksamkeit und erschlossen vielen Menschen, Kitas und Schulen Möglichkeiten, die sie ohne Herrn und Frau Gärthe nicht gehabt hätten.
Damit hat Herr Wolfgang Gärthe eine wertvolle Basis für das Leben vieler Menschen und über sein eigenes Leben hinaus geschaffen.
Die Menschen, die mit ihm arbeiteten und für die er sich einsetzte, spürten, welch tiefen Wert die Begegnungen, Gespräche und gemeinsam erlebten Momente für ihn hatten.
Herr und Frau Gärthe waren 48 Jahre verheiratet, gemeinsam haben sie zwei Töchter. Frau Gärthe hat ihrem Mann während seines beruflichen Schaffens nicht nur den Freiraum gegeben, sondern ihm auch den Rücken freigehalten und immer ein offenes Ohr für die vielen Themen, die er von ESO mit nach Hause brachte, geschenkt. Ohne sie hätte er sein Leben nicht so erfüllt leben können.
Im Namen aller Kolleginnen und Kollegen dankt die Geschäftsführung ganz herzlich auch Frau Gärthe dafür. Sie hatten nicht nur Verständnis für sein großes persönliches Engagement, sondern unterstützten ihn auch uneingeschränkt, gingen mit ihm auf Reisen und setzten sich ebenso für die gemeinsamen Bildungsideale ein. Gemeinsam werden Frau Gärthe mit den gemeinsamen Töchtern als Familie das Lebenswerk lebendig halten.
Die Energie von Herrn Wolfgang Gärthe werden wir weiterhin spüren, seine Spuren werden weiterhin Wirkung entfalten. Der Tod ist eben nicht das Ende, nicht die Vergänglichkeit. Der Tod ist nur die Wende, Beginn der Ewigkeit.
Wir alle spüren ein Heimweh, eine Sehnsucht. Sie richtet sich zurück zu den gemeinsamen inspirierenden Momenten, zu den lebendigen Gesprächen und mutmachenden Aktionen, zu den kleinen und großen Spuren, die Herr Gärthe in unserem Leben hinterlassen hat. Unser Heimweh muss sich aber auch in die Zukunft richten und sollte das Verlangen in uns wecken, weiterzugehen, neugierig zu bleiben, das Unvollendete nicht zu fürchten, sondern als Teil des Lebens anzunehmen und für die Jugend für eine bessere, gerechtere Welt mit Überzeugung engagiert einzustehen.
Wir durften viel von Herrn Gärthe lernen und verneigen uns voller Dankbarkeit vor ihm.
Leben Sie wohl, lieber Herr Gärthe!
Im Namen aller Kolleginnen und Kollegen der ESO Education Group,
Silvia Semidei
Beitragsbild: ESO Education Group